„Ich verspreche, dass ich mindestens eine Stunde lang verlieren werde“ – Maverick (1990) „Das ist schwieriger, als es aussieht!“

„Zur Anmeldung reichen Sie bitte eine Kurzbiografie unter Berücksichtigung ihrer bisherigen Meilensteine und ihrer Interessen (Hobbys) ein!“ Der Text prangt auf meinem Laptop.
Kurzbiografie: Check!
Meilensteine: Check!
Interessen/Hobbys: Problem!
Na ja, Interessen habe ich viele, aber sind das auch gleich Hobbys? Und inwieweit bringt es mich weiter, wenn ich angebe, dass ich diesen Winter angefangen habe zu häkeln? Ist das überhaupt ein Hobby, wenn man etwas nach 20 Jahren zum ersten Mal wieder gemacht hat, dabei zwei Schals produziert hat und wieder aufgehört hat?

In meiner Kindheit war mir die Frage nach meinen Hobbys immer die liebste. Die Liste war lang und es gab immer eine Menge anzugeben: ich fuhr gerne Fahrrad und noch lieber war ich draußen mit meinen Rollschuhen unterwegs.
Ich spielte Klavier, wobei ich damals auf die strenge klassische Ausbildung gerne verzichtet hätte, sie mir im Nachhinein aber Tür und Tor zum Musik-Leistungskurs öffnete.
Ich hab jahrelang Jazzdance gemacht und sogar 5 Monate Ballett getanzt.
Aber am liebsten, wirklich am allerliebsten von allem, bin ich geschwommen. Hätte man in einer Pfütze schwimmen können, wäre ich auch da reingesprungen. Ich träumte sogar regelmäßig davon, dass ich eines morgens auf unseren Balkon gehen würde und über ein Sprungbrett direkt in den Swimmingpool springen würde, den irgendjemand als Ersatz für unseren Innenhof über Nacht dort erbaut hat.

Schwimmen gelernt habe ich im Kindergarten im Alter von 3 Jahren und noch bevor ich 4 Jahre alt wurde, hatte ich bereits mein Seepferdchen. Mit 6 Jahren hat mich meine Mutter im Schwimmverein angemeldet und bis ich 9 Jahre alt war, hatte ich Bronze, Silber und Gold. Mit 11 Jahren schwamm ich 100 m Brustschwimmen in unter 1:40 Minuten (mein persönlicher Rekord lag bei 1:38,9) und konnte 25 m Streckentauchen. Ich sollte gerade mit den Vorbereitungen für den Rettungsschwimmer beginnen, da erwischte mich mein Rheuma und machte mir einen Strich durch die Rechnung.

Gefangen im eigenen Körper

Wenn es eine Sportart gibt, die für Rheumatiker empfohlen wird, dann ist es Schwimmen. Man treibt schwerelos im Wasser und kann dabei optimal seine Gelenke ohne Belastung durchbewegen. Es steigert somit die Beweglichkeit und stärkt die Muskulatur. Alles schön und gut, aber wenn man, wie ich, dabei ein Immunsystem hat, dass quasi nicht existent ist und man sich bei jedem zweiten Schwimmbadbesuch einen Pilz oder eine Bronchitis oder beides einfängt, dann ist der Kosten-Nutzen-Faktor auch nicht gegeben. Abgesehen davon, dass diese Art von Schwimmen für mich als ehemalige Leistungsschwimmerin eigentlich nicht zählt. Wobei die interessantere Information darin liegt, dass ich, egal in welchem körperlichen Zustand ich mich befinde, nicht untergehe. Ich hab es sogar mal meinen Eltern gegenüber versucht zu beweisen, dass ich nie wieder schwimmen werde…

…Ich war 14 Jahre alt, saß seit knapp einem Jahr dauerhaft im Rollstuhl, hatte einen BMI von 15 und konnte mich ohne fremde Hilfe überhaupt nicht bewegen. Wir waren im Urlaub und ich starrte seit Tagen sehnsüchtig auf den Pool, ohne es wirklich bemerkt zu haben. Der nur allzu vertraute Geruch nach Chlor, der mich schon als Kleinkind ganz ungeduldig auf das Wasser machte, umhüllte mich gleichzeitig mit Geborgenheit und tiefer Traurigkeit. Bis zu dem Tag konnte ich mir die Schwere meines dramatischen Zustandes immer noch irgendwie schön reden oder es zumindest versuchen. Im Rollstuhl sitzend und mein Element Wasser so vor Augen zu haben, unfähig auch nur schmerzfrei den kleinen Finger zu bewegen – da half alles positive Denken auch nichts. Nie wieder werde ich schwimmen können. Nie wieder werde ich dieses Gefühl von Schnelligkeit haben. Nie wieder werde ich mich so frei fühlen.

Ich? Schwimmen? In dem Zustand? Niemals!

Je länger ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, desto mehr schien das Wasser nach mir zu rufen. Immer lauter, immer verlockender. „Es ist total unnütz! Selbst wenn ich mich ins Nichtschwimmerbecken setzen lassen würde, was soll es bringen?“ Als hätte meine Mutter meine Gedanken gelesen, drehte sie sich genau in diesem Moment zu mir um und ließ verlautbaren: „Es wird Zeit, wieder zu schwimmen!“
OMG, ist das Ihr Ernst? Jetzt? In dem Zustand? Sie ist nicht ganz bei Trost! „Nie im Leben werde ich je wieder schwimmen! Das funktioniert nicht! Wie sollte das auch? Ich kann mich kaum bewegen! ICH WERDE WIE EIN STEIN UNTERGEHEN!!!“ schrie ich sie an. So, das hat hoffentlich gesessen und sie wird mich in Ruhe lassen. Sie wird ja wohl kaum riskieren, dass ich ertrinke. Oder etwa doch? Hoffen wir einfach Mal, sie schluckt meinen Bluff! Aber wenn nicht: es wird ja wohl nicht so einfach sein zu ertrinken!? Mit zusammen gekniffenen Augen starren meine Mutter und ich uns an. Anscheinend jeder am Optionen abwägen und dann hat sie meinen Bluff durchschaut: binnen Sekunden stehe ich mit meinem Rollstuhl am Beckenrand und zusammen mit meinem Vater setzt sie mich auf den Boden an die Poolwand, sodass meine Füße automatisch ins Wasser glitten.

Und da kitzelte es schon in meiner Seele: dieses Gefühl von „nach Hause kommen“. Dennoch wollte ich nicht so schnell aufgeben und protestierte weiter: „Das ist ja nicht mal das Nichtschwimmerbecken. Wenn ihr mich darein hebt, werde ich ganz sicher ertrinken und wenn nicht, dann sorge ich dafür!“ Meine Mutter hob ihre Augenbrauen: „Na das wollen wir doch mal sehen, wie ein Fisch ertrinkt!“ Und mit diesen Worten hoben sie mich ins Wasser.

Schwimmen oder nicht schwimmen? Das ist hier die Frage!

Während ich „an Land“ noch Zeter und Mordio rief, war es Unterwasser einfach nur himmlisch! Tausende und abertausende Glückshormone durchströmten jeden einzelnen Millimeter meines Körpers und eine unbeschreibliche Gänsehaut folgte auf dem Fuße!
Und immer noch wollte ich nicht nachgeben! Ich wollte zu meinem Bluff stehen und aus Prinzip untergehen (ach ja, diese starrköpfigen Teenager). Ich konnte nicht schwimmen! Ich wollte nicht schwimmen! Sobald ich gänzlich mit Wasser bedeckt war, verschränkte ich meine Arme und Beine und ließ mich auf den Poolboden sinken. Jedoch hatte ich nicht mit dem nächsten Kitzeln in meiner Seele gerechnet: einmal am Boden angekommen, überkam mich augenblicklich das Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Ruhe!

So saß ich also Unterwasser, wild entschlossen, meinen Eltern zu beweisen, dass sie unrecht hatten. „Aber was, wenn das nicht so ist?“ begannen meine Gedanken zu kreisen. Es ist schon klar, dass ich nicht wieder auf Leistung schwimmen werde, aber so im Wasser zu chillen hat schließlich auch was! Aber diese Genugtuung werde ich ihnen jetzt nicht geben! „Die werden schon sehen, was die davon haben, eine wehrlose BeaBu so zu über…“ Ich kam in meinen Gedanken nicht weiter, denn schwuppdiwupp trieb ich schon wieder hoch, an die Oberfläche.

Aber ich wollte und sollte doch untergehen!

Gleich, was ich tat, es war zwecklos: stetig trieb ich weiter hoch, bis ich letztendlich die Wasseroberfläche durchbrach und direkt ins Gesicht meiner vor Freude strahlenden Mutter sah. „So“, begann sie den Satz, „wenn du jetzt fertig bist mit dem Blödsinn und dir selber bewiesen hast, dass ein geborener Schwimmer nicht so einfach untergeht, kannst du ja jetzt endlich versuchen, ein wenig zu schwimmen!“ Und das tat ich dann auch, naja, nicht schwimmen, aber mich irgendwie zu bewegen. Plantschen trifft es eher, aber zumindest kam ich vom Fleck.
Lustig: Schwimmen kann ich vielleicht nicht mehr, dafür aber Plantschen – ein Umstand, den ich eigentlich in meiner Schwimmkarriere übersprungen hatte.

Meine Interessen und alten/neuen Hobbys: ich hab angegeben, dass ich gerne neue Projekte entwickle, in meiner Freizeit gerne schreibe und lese und gerne in den Urlaub fahre.

À bientôt

Eure BeaBu

6 Gedanken zu „„Ich verspreche, dass ich mindestens eine Stunde lang verlieren werde“ – Maverick (1990) „Das ist schwieriger, als es aussieht!“

    • BeaBu sagt:

      Vielen vielen Dank! Sowas hör ich wirklich gerne! Es ist immer wieder schön ein Feedback zu erhalten und mitzubekommen, dass meine Geschichten gut ankommen!
      Frohe Ostern

  1. Andrea Wissel sagt:

    Liebe Beabu
    vielen Dank für eine weitere spannende Episode aus deinem Leben.
    Genieß das Wasser wo immer du es findest 🙂

    Frohe Ostern

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