„Es ist eine Schande! Als Alexander der Große so alt war wie Sie, da hatte er bereits die halbe Welt erobert!“ – „Der hatte ja auch Aristoteles als Lehrer. Und wen haben wir???“ – Pepe, der Paukerschreck (1969) „Wie heißt es so schön: Ein Schüler kann nur so gut wie sein Lehrer sein!“

Aula. Abschlussklasse 200X. Zeugnisverleihung. Der Schuldirektor hält eine Rede.

Er redet über Fleiß, Zukunftsperspektiven, etwas wie „Stier bei den Hörner packen“, bla bla bla.
Wie alle anderen höre ich nach ein paar Minuten schon gar nicht mehr richtig hin und vertiefe mich unauffällig mit meiner Sitznachbarin in die Frage, wo wir danach noch was essen gehen wollen. Plötzlich erregt ein Fitzelchen der Rede meine Aufmerksamkeit und ich traue meinen Augen und Ohren nicht: „… und als sie damals im Rollstuhl in mein Büro herein gefahren wurde, blass, dürr, zu schwach, um selber den Rollstuhl zu bewegen, und sie ernsthaft zu mir sagte, dass sie ihre Schullaufbahn auf eigenen Beinen beenden wird, da dachte ich entsetzt bei mir: ,Armes verblendetes Kind! So schwer krank und so voller falscher Hoffnung!‘ …“ Mir klappt die Kinnlade runter: Alter Verwalter! Der redet über mich!

Von Ignoranz und Intoleranz

„BeaBu, du hast keinen Abschluss von der 7. und 8. Klasse, aber du hast drei Mal die 10. gemacht???“ Tja, aber genau so ist es! Bei mir ist eben nichts normal, nicht mal meine Schullaufbahn!

Als mein Rheuma zu wüten begann, kam ich gerade in das Probehalbjahr der 7. Klasse eines Gymnasiums.
Während ich mein letztes Grundschuljahr relativ unspektakulär mit einem geschwollenen linken Knie durchlief (bis auf ein paar unangenehme Situationen, vor allem verursacht durch meine uneinsichtige Klassenlehrerin, die nicht zu viele „Unannehmlichkeiten“ wegen mir haben wollte), begann ich mein Probehalbjahr schmerzhaft humpelnd und mit drei zusätzlichen geschwollenen Fingergelenken.
Im Laufe des Halbjahres hatte ich irgendwann mehr krankheitsbedingte Fehlzeiten als tatsächliche Anwesenheitstage und so kam es zu unzähligen Gesprächen zwischen meiner Mutter und dem Schuldirektor. Jedenfalls, bis es dem Herrn Direktor zu bunt wurde und ihm die Hutschnur platzte: An seiner Schule sei kein Platz für solche Menschen wie mich und ich gehöre ab jetzt auf eine Sonderschule zu meinesgleichen. Meine Mutter meldete ihn der Schulbehörde, ich bekam meinen ersten Rheumaschub in dem Winter, und dass ich das Probehalbjahr nicht bestanden hatte, muss ich wohl nicht zusätzlich erwähnen.

Das war jedenfalls das vorläufige Ende meiner Schullaufbahn.

Vom Bildungssystem und Gouvernanten

Nach den grauenhaftesten drei Monaten meines Lebens war das zweite Halbjahr der 7. Klasse auch schon fast irgendwie rum, ohne dass ich auch nur eine Schule hatte, in die ich hätte nicht gehen können. Denn abgesehen davon, dass in dieser Zeit logischerweise keiner von uns die Fähigkeit noch die Möglichkeit dafür gehabt hatte, mir eine neue Schule zu suchen und mich neu anzumelden, war ich zu dem Zeitpunkt alles andere als in der Lage, irgendeine Schule zu besuchen.
Bis wir alle wieder einen klaren Gedanken fassen konnten, war es bereits Zeit für die Sommerferien.

„Aber BeaBu, das wäre doch der perfekte Zeitpunkt gewesen, um sich nach einer neuen Schule umzuschauen. Wieso bist du nach den Sommerferien nicht wieder zur Schule gegangen?“ Blöd gesagt, aber es gab keine passende Schule für mich. „Im Grunde wollte ich auch wieder zur Schule gehen. Ich wollte jedoch keinesfalls auf eine Schule für körperbehinderte Menschen.“ Um ehrlich zu sein: ich fand die Vorstellung damals sehr sehr gruselig. Ich war dreizehn Jahre alt, völlig mit mir und meiner Situation überfordert, und bis die Sommerferien vorüber waren, saß ich bereits im Rollstuhl und hatte dabei immer noch die Hoffnung, dass mein Zustand wieder vergeht wie eine Grippe. Egal was noch kommen sollte, das einzige was mir wichtig war, war, dass ich auf keinen Fall „mit diesen Leuten“ über einen Kamm geschert werden wollte.

Die abwertenden Worte des Gymnasiumdirektors klangen immer wieder in meinem Kopf nach und im Umkehrschluss bedeutete dies, dass ich fast zwei Jahre in gar keiner Schule war.
Ich bestand auf eine stinknormale Schule, aber bitte mit Fahrstuhl, und da der Schulsenat mir keine passende Schule bot, war ich die letzte, die offiziell Privatunterricht vom Schulsenat gestellt bekommen hat, bevor die Mittel dafür gänzlich gestrichen wurden.

Von Intelligenz …

Eines Tages, es war schon fast wieder Zeit für die nächsten Sommerferien, da besuchten mich ein paar ehemalige Grundschul-Freundinnen. Mit dem Schulwechsel damals, meiner Erkrankung und weil wir fast zeitgleich auch noch umgezogen waren, hatten wir uns seit Jahren aus den Augen verloren. Ich weiß nicht mehr, wie wir uns damals wiedergefunden hatten, aber ich weiß noch genau, wie sie meinten: „BeaBu, komm doch an unsere Schule. Wir haben einen Fahrstuhl und es ist eine Gesamtschule, an der man später auch Abitur machen kann.“
Diese Worte waren so unglaublich, sie waren zu gut um wahr zu sein.

Meine Mutter rief direkt am Montag in der Schule an, die Angaben bestätigten sich und sie hatten sogar einen freien Platz für mich.
Jedoch gab es eine kleine Frage: In welche Klasse soll BeaBu?

– Wenn es nach meinem Einschulungsjahrgang ginge, dann würde ich nach den Sommerferien in die 9. Klasse kommen. Aber gleich zwei Klassen überspringen?

– Und wenn ich in die 7. Klasse eingeschult werden würde, würde ich dann vielleicht die „armen Kleinen“ überfordern und mich selber unterfordern?

Der Direktor schlug einen Intelligenztest mit einem integrierten Schulwissensstandstest vor, um einen Überblick und eine Hilfestellung zu erhalten.
Gesagt, getan. Einige Wochen später lag das Ergebnis vor: Sie hätten mich ins Abitur genommen, aber das Oberstufengebäude hatte keinen Fahrstuhl.

„Danke, aber die 9. Klasse reicht erstmal völlig aus!“

… und Toleranz

Nach den Sommerferien kam ich also direkt in die 9. Klasse und so setzte sich meine Schullaufbahn wieder fort. Nur diesmal erfuhren wir, was echte Inklusion und Toleranz bedeutete. Ich bekam einen zweiten Satz Bücher, damit ich meine nicht hin und her schleppen musste. Die Klassenräume wurden trotz Fahrstuhl so geplant und belegt, um unnötige Entfernungen und Wechsel zu vermeiden. Anfallende Fehlzeiten wurden mit schriftlichen Zusatz-Hausaufgaben und/oder Zusatz-Referaten ausgeglichen. Anfangs wurde mir eine Mitschülerin zur Seite gestellt, die mich von A nach B begleiten sollte. Aber kaum ein Monat in der Klasse und fast jeder übernahm ihre Aufgaben mit und ich war vollständig aufgenommen und angekommen.

Ich meisterte das Schuljahr mit Leichtigkeit und wurde das erste Mal in die 10. Klasse versetzt. Kurz nach den Herbstferien wurde ich das erste Mal operiert und das knockte mich und meine Schullaufbahn für 9 Monate aus.
Also wiederholte ich die 10. Klasse und wieder wurde ich nach den Herbstferien operiert und diesmal knockte es mich für 6 Monate aus. Wir bekamen die Sondergenehmigung, dass ich die 10. Klasse noch ein drittes Mal wiederholen durfte, da die ersten Besuche nicht wegen schulischer Leistungen nicht bestanden wurden.
Bei meinem dritten Besuch der 10. Klasse wurde ich nicht nur nicht operiert, ich durchlief die 10. Klasse auf eigenen Beinen und wurde in die 11. Klasse der gymnasialen Oberstufe versetzt. (Auf eigenen Beinen entfiel dann auch die Problematik des fehlenden Fahrstuhles im Oberstufengebäude.)

Der Direktor fährt mit seiner Rede fort: „… Hätte mir damals jemand gesagt, dass sich dieses häufchen Elend zu einem Schwan entwickeln wird, ich hätte genauso Mitleid mit der Person gehabt, wie ich es mit ihr hatte. Aber gestern Abend habe ich sie mit meinen eigenen Augen nicht nur laufen, sondern auch noch auf dem Abschlussball tanzen sehen und da wusste ich: Diese unglaubliche junge Frau wird sich niemals unterkriegen lassen und ihren eigenen Weg gehen! Chapeau!…“ WoW!
Und weiter ging es mit bla bla bla…

À bientôt

Eure BeaBu

Ein Gedanke zu „„Es ist eine Schande! Als Alexander der Große so alt war wie Sie, da hatte er bereits die halbe Welt erobert!“ – „Der hatte ja auch Aristoteles als Lehrer. Und wen haben wir???“ – Pepe, der Paukerschreck (1969) „Wie heißt es so schön: Ein Schüler kann nur so gut wie sein Lehrer sein!“

  1. Vicy sagt:

    Dieser Post hat mir soooo gute Laune gemacht!!! Fehlzeiten mit schriftlichen Zusatz-Hausaufgaben und Zusatz-Referaten ausgleichen lassen, 2. Satz Bücher um das Tragen schwerer Bücher zu vermeiden, Aufzug und spezielle Planung vom Unterrichtsort der keine Hürde erfordert – das nenne ich Inklusion. NA ES GEHT DOCH!
    Dieses Modell bitte für alle Schüler mit Behinderung!
    …und dann gleich noch ein ähnliches für Schüler mit eig. u. fam. Migrationsgeschichte <3 <3 <3

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