„Nach allen bekannten Gesetzen der Schwerkraft ist es unmöglich, dass eine Biene fliegen kann!“ – Bee Movie (2007) „Jetzt ist es raus: Ich bin eine Biene!“

Weit unter mir: das glitzernde Meer! Weit über mir: strahlend blauer Himmel! Es liegt so viel Salz in der Luft, dass man es nicht nur riechen kann, sondern man es auf der Zunge schmeckt. Ich sitze in einer Art Geschirr und betrachte meine schaukelnden Beine. Beugen und strecken, strecken und beugen. Ich schaukle mitten in der Luft.
Plötzlich geht ein Ruck durch meinen Fallschirm. Huch, das fühlte sich aber gerade seltsam an, aber das Seil, mit dem der Fallschirm am Boot befestigt ist, wird ja wohl halten und ich fange an, mich über mich selber lustig zu machen! BeaBu, du bist eine kleine Schi@&erin! Ein Adrenalinjunkie: ja! Aber dennoch, eine kleine Schi@&erin! Und natürlich wird das Seil nicht reißen! Jetzt entspann dich wieder und genieße den herrlichen Ausblick und die Friedlichkeit hier oben.
Hurra, ich fliege!
Man oh man, jetzt sollte mich mal Herr Prof. Dr. Oberschlau sehen!

Hau-Ruck-Aktion und jetzt?

„Finden Sie sich damit ab! Sie werden nie wieder laufen können! Finden Sie sich damit ab! Sie werden nie wieder laufen können! Finden Sie sich damit ab! Sie werden nie wieder …“
Die Worte drehen sich wie ein Karussell in meinem Kopf, immer und immer wieder. Musste der Herr Prof. Dr. Oberschlau mir dies unbedingt so unverblümt ins Gesicht sagen? Und das auch noch vor meiner Mutter? Was hat der denn erwartet, dass wir sagen: „Ja, also wenn Sie es so sagen, dann haben Sie vollkommen recht! Endlich spricht es einer aus und wir können getrost alle unsere Hoffnung und Mühe vergessen und ein schönes Leben im Rollstuhl beginnen!“ Sorry, so sind wir nicht. So bin ICH nicht! War doch klar, dass wir spätestens daraufhin irgendeinen Blödsinn anstellen.
Oder war das nur für uns klar?

Jedenfalls sitze ich nun seit Wochen und Monaten auf meiner Matratze im Wohnzimmer und betrachte meine gestreckten Knie.
Zwei lange rote Narben schlängeln sich direkt darüber hinweg, aber irgendwie sehen die beiden immer noch nicht aus wie andere Knie: Meine sehen so knubbelig verschoben aus.
„Klasse, vorher konnte ich sie nicht mehr strecken, jetzt kann ich sie also nicht mehr beugen! Was für ein Fortschritt!“ Trauriger Sarkasmus sickert durch jeden einzelnen meiner Gedanken.

Wenn ich schon vor der Operation geglaubt habe, es könne nicht schlimmer werden, und das, obwohl ich „nur“ im Rollstuhl saß, dann müsste das jetzt endgültig der Tiefpunkt sein!
Seit Monaten fühle ich mich wie eine gestrandete Meerjungfrau. Egal, was ich jetzt tue, von in den Rollstuhl setzen bis in die Badewanne zu kommen, ich brauche Minimum 3 Personen dafür. Einer links unter den Arm, einer rechts unter den Arm und einer, der meine Beine trägt. Hinzu kommt, dass jetzt die Kunst, so wenig wie möglich Erschütterung in die Bewegung zu bringen, noch weiter perfektioniert werden muss, denn sobald meine Beine auch nur einen Millimeter gebeugt oder falsch bewegt werden, sind die Schmerzen zum „aus der Haut fahren“. Also reduziere ich meine „Umlagerungen“ auf das Minimum, was zur Folge hat, dass ich vollends im Wohnzimmer lebe. Ich habe zwar mittlerweile einen Rollstuhl für gestreckte Beine, aber der ist sau-unbequem. Außerdem bin ich mit ihm schon vermehrt nach vorne übergekippt, weil ich das Gleichgewicht verloren habe, was die Schmerzen erst recht unerträglich macht.

„Finden Sie sich damit ab!“ Im Leben werde ich mich nicht damit abfinden! Aber wie soll das jetzt nur weitergehen?

Wiedergutmachung vs. schlechtes Gewissen

„Wie konnten Sie das nur tun?“ Meine Mutter ruft in der Kinderklinik an und ich höre die entsetzte Stimme meines Stationsarztes durch das Telefon. Schlagartig verlässt meine Mutter das Wohnzimmer und geht die Treppe hinauf. Was für eine Gemeinheit, aber was soll’s, sie wird mir die Highlights später sowieso berichten. Zwanzig Minuten später kriege ich die Information, dass man sich bei uns meldet, sobald man eine Lösung für unser Dilemma gefunden hat.

Eine Woche später kommt meine Mutter mit leuchtendem Gesicht von der Arbeit nach Hause und berichtet, dass Herr Prof. Dr. Oberschlau sie heute angerufen hat. Er habe sich eine gute Dreiviertelstunde bei ihr entschuldigt, dass er sowas gesagt und uns in so eine Lage damit gebracht hat, und bittet jetzt um eine Chance, dies wieder gut zu machen. Jetzt könne und wolle er uns helfen. Unter anderem baut er in seiner Klinik Stabilisierungsschienen, um die Fortschritte nach seiner Behandlung (die er uns verwehrt hat und die jetzt nicht mehr in Frage kommt) zu festigen. Ich solle unverzüglich an den Chiemsee transportiert werden, um die Schienen für mich anfertigen zu lassen.

Meine Roboterbeine

Drei Monate verbrachte ich in der schlimmsten Klinik meines Lebens. Die Klinik und ihre Patienten glichen mehr einem Gruselkabinett als allem anderen. Abgesehen davon, dass allein das Klinikgebäude alt, hässlich und ungemütlich war, litten die Patienten hier (wegen der Spezialisierung auf die Ilizarov-Methode) unter Kleinwüchsigkeit, spastischen Lähmungen und/oder geistigen Behinderungen. Es wäre vielleicht halb so schlimm gewesen, wenn wenigstens die Klinik ein wenig modernisiert gewesen wäre, aber so … es war einfach nur grau und trostlos.
Einziger Lichtblick waren die zweimal wöchentlichen Anpassungstermine für die Schienen. Diese wurden in einer höchst modernen Orthopädie-Werkstatt vorgenommen und die Schienen in minutiöser Handarbeit angefertigt.

„Also, BeaBu, schau genau hin, denn du musst das zu Hause anleiten können!“
Ich sitze bei meinem endlich letzten Termin in der Orthopädie-Werkstatt und versuche, mir alles zu merken, was ich sehe.
Hmmm… so schwer ist das gar nicht und vor allem ist die Reihenfolge höchst logisch und selbsterklärend.
Zuerst den Baumwollschlauch über das ganze Bein ziehen, damit die Haut keinen Schaden nimmt. Dann das Bein in die Schaumstoffhülle stecken, die zeitgleich meine deformierten Knie stützt und die Polsterung für die Kunststoffschiene ist. Dann die eigentliche Kunststoffschiene in einer Drehbewegung über dem Knie in Position bringen und vorne am Oberschenkel und hinten am Unterschenkel mit zwei Plastikschalen verschließen. Anschließend das Fußteil samt Schuh dran schrauben und Trommelwirbel….
Ta-ta-ta-taaaa, ich kann stehen. WoW, was für eine andere Perspektive das von hier oben ist! Ich hatte es schon ganz vergessen. Ok, ich kann meine Knie immer noch nicht beugen, dafür kann ich aber schon mal stehen und mit getreckten Beinen wie ein Zinnsoldat laufen.
Darauf kann man definitiv aufbauen!

Bevor ich in die Luft ging

„Wenn ich einmal 80 bin, dann werde ich es machen.“ Verträumt sitze ich im Strandcafé und schaue auf das offene Meer hinaus, wo in der Ferne kleine Boote kleine bunte Fallschirme hinter sich herziehen. „Irgendwann, wenn ich nichts mehr zu verlieren habe, werde ich die durchgeknallteste Oma sein, die die Welt je gesehen hat!“, seufze ich leicht verbittert. „Wovon redest du, BeaBu, Liebling?“ Meine Mutter schaut mich verdattert an. „Du brabbelst schon seit Tagen so einen Blödsinn! Wovon redest du?“ Dass ich das schonmal vorher erwähnt habe, war mir gar nicht bewusst.
Ich fange an zu lachen und zeige auf die ganzen Parachutes in der Ferne: „Ich rede vom Parasailing.“ Meine Mutter folgt meinem Finger, runzelt die Stirn und sagt: „Warum bis 80 warten? Lass doch einfach mal schauen, wie die starten und landen, und wenn das gesichert ist, spricht nichts dagegen, es jetzt schon zu tun! Also wirklich …“ Sie schüttelt lachend den Kopf „… bis 80 warten. Wer weiß, was bis dahin noch kommt?”

Tja, wer weiß das schon?

À bientôt

Eure BeaBu

Ein Gedanke zu „„Nach allen bekannten Gesetzen der Schwerkraft ist es unmöglich, dass eine Biene fliegen kann!“ – Bee Movie (2007) „Jetzt ist es raus: Ich bin eine Biene!“

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