„Willst du einen Schneemann bauen? Los, komm und spiel mit mir!“ – Die Eiskönigin – Völlig unverfroren (2013) „Da versucht man selber auf sein Leben klar zu kommen und dann kommt sowas! Tz Tz Tz!“

„Er ist da! Er ist da! Gesund und munter!“ Alle brechen nach dem gerade erlebten 30-stündigen Wehen-Krimi in Jubel aus.
Nur ich kann mich noch nicht richtig freuen: „Es ist noch nicht vorbei!“, mahnt mich meine Angst und ich versuche angestrengt, den Teufel nicht an die Wand zu malen. Jedoch kann ich an nichts anderes mehr denken, als an den Notkaiserschnitt und die Tatsache, dass sie noch immer im OP liegt und ihr Zustand beunruhigend mit keiner einzigen Silbe erwähnt wurde.
„Oh bitte, mach, dass es ihr gut geht! Mach bitte, bitte, dass es ihr gut geht!“ fange ich leis an zu beten und denke dann: „Reiß dich zusammen, BeaBu! Konzentrier dich auf das Gute!“
Ich atme tief durch und erlaube mir, mich kurz vom Jubel anstecken zu lassen:
„Juhuuu, ich bin Tante!“

Ein letztes Mal

„Dreh mich, BeaBu! Dreh mich!“ Meine Schwester ist 5 Jahre alt und reckt mir ihre kleinen Ärmchen entgegen. Wir spielen im Wohnzimmer unserer Drei-Zimmer-Wohnung und wie X-1000 Mal zuvor schnappe ich sie mir, hebe sie zu mir auf den Arm und wir drehen uns um meine Achse.
„Nochmal! Nochmal!“ ruft sie vergnügt und hüpft auf und ab, kaum dass ich sie gerade wieder auf den Boden gestellt habe. „Ok! Aber nur noch das eine Mal und danach ist wirklich Schluss!“ sage ich leicht außer Atem. Komisch, in letzter Zeit komme ich so schnell aus der Puste und irgendwie ziekt es neuerdings immer mal wieder in meinem geschwollen linken Knie.
Schmollend über die Aussicht, dass der Spaß gleich vorüber ist, verzieht meine Schwester ihr Gesicht, aber streckt mir dann doch ihre Arme wieder entgegen. Ach, was soll’s, einmal wird schon noch gehen.

Gerade als ich sie mit Schwung hebe und zum Drehen ansetze, rutscht mir mein linkes Knie im Gelenk selbst weg und wir fallen zusammen gefährlich in Richtung Marmor-Wohnzimmertisch. In letzter Sekunde schaffe ich es, meine Schwester auf mich zu ziehen, um nicht auch noch auf ihr zu landen, und gemeinsam verfehlen wir den Tisch um Haaresbreite. Ich liege schmerzerfüllt auf dem Boden, meine Schwester auf mir drauf, da fängt sie aus Leibeskräften an zu heulen.
„Schon gut, sie hat nur einen Schreck gekriegt! Ich hab sie abgefangen und alles abbekommen!“ versuche ich meine herein gestürmten Eltern zu beruhigen. „Aua, aua mein Knieee! Mein Knieeeee!“, heule ich los.

Das war das letzte Mal, dass ich mit meiner Schwester getobt habe und überhaupt war es das letzte Mal, denn zwei Monate später erhielt ich meine Diagnose und mit Toben und Spielen war es schlagartig vorbei.

Ich bin ein Monster

„Komm her du …“ Wie hatte ich sie betitelt? Es war sicher nichts Nettes. Aber was? Ich weiß es nicht mehr. Was ich jedoch noch weiß, ist, dass ich damals furchtbar wütend wurde. Nachdem ich meine erste Symphonie überlebt habe, wurde ich auf Gott und die Welt wütend.
Und meine kleine Schwester, tja nun, meine süße, kleine Schwester war halt einfach da und bekam meinen ganzen Zorn ab.
Bis es einmal eskalierte.

Ich saß im Rollstuhl fest und sie tanzte vor meiner Nase herum. Wortwörtlich! Sie tanzte im Wohnzimmer unseres Hauses, in das wir vor knapp einem Jahr eingezogen waren, zu irgendeinem Popsong, der gerade angesagt war, und hüpfte vergnügt durch die Gegend.
Mein ganzer Hass und mein ganzer Neid, sowohl allgemein auf die Welt als auch auf sie, weil sie tanzte und ich nie mehr, ergoß sich binnen einer Sekunde über mich.
Wäre dies ein Märchen – dies wäre meine Geburtsstunde als die böse Hexe des Westens.
Ich unterbrach sie mitten in ihrem nervigen Gehopse und rief sie zu mir.

Da stand sie nun ganz nah an meinem Rollstuhl, brav wartend, was ich ihr wohl diesmal zu sagen habe. Und ich? Ich griff ihr in ihre langen Haare und zerrte sie fast zu Boden. Sie heulte sofort auf und ich war über meine Wucht so geschockt, ich ließ sie sofort los!
Eine Woche lang schämte ich mich fürchterlich für mein Verhalten: Sie hatte mir vertraut und ich tat sowas! Wie konnte ich das nur an ihr auslassen? Was konnte sie denn für meine Sch@&€$?

Ich schwor mir, egal was noch alles im Leben kommen mag – ich werde es nicht zulassen, dass ich jemals wieder böse, verbittert und grün vor Neid werde.

Das Schattenwesen

Meine Schwester und mich trennte schon immer unser Altersunterschied von knapp 6 Jahren. Aufgrund dessen hatten wir schon vor meiner Erkrankung wenig Gemeinsamkeiten. Jedoch konnten wir immer zusammen irgendwie spielen und toben. Da dies jetzt weggefallen war, hatten wir absolut keinerlei gemeinsame Schnittpunkte mehr und meine kleine Schwester verschwand in den Hintergrund.
Einerseits blendete ich sie aus, um mich nicht weiter von Sachen provoziert zu fühlen, für die sie nichts konnte, und andererseits war ich so mit meinem eigenen Elend beschäftigt, dass ich schlicht keine Kapazitäten mehr für sie hatte.

Dennoch, sobald ich mein erstes Tief überwunden hatte, war sie überall mit dabei.
Sie schnitt Songtexte aus den Zeitschriften aus und wir sangen sie gemeinsam. Sie half beim Umsetzen der von mir diktierten Backrezepte. Sie kam sogar mit nach Garmisch-Partenkirchen, wenn meine Mutter mich an den Wochenenden besuchte. Kurzum, sie war wirklich immer und überall mit dabei.

Für mich änderte es jedoch nichts daran, dass sie für mich mehr ein begleitender Schatten war, denn wenn ich ganz ehrlich bin: Ich wollte sie nie dabei haben oder mit einbeziehen!
Ich hätte selber liebend gern auf all das verzichtet und hätte mich am liebsten selber nicht miteinbezogen, aber ich hatte keine Wahl: Ich musste da durch, ich war die Kranke und ich versuchte immer, das Beste daraus zu machen!
Ihr hätte ich das alles lieber erspart und ihr die normale Kindheit gewünscht, die ich nie haben konnte.

Zeiten des Wandels

Sobald ich wieder aus dem Rollstuhl stieg und sich mein Zustand stabilisierte, hatte ich wieder mehr Kapazitäten übrig. Außerdem befand sich meine Schwester bis dahin auch bereits mitten in ihrer Pubertät und ihre Welt wurde für mich greifbarer.

Zu Ihrem vierzehnten Geburtstag schenkte ich ihr ihr erstes Make-up-Set und einen Minirock. Monate vorher hatte ich entsetzt festgestellt, dass sie weder das Eine noch das Andere besaß.
Ich hatte es kaum abwarten können, bis ich mich mit 13 Jahren zum ersten Mal schminken durfte, und sie schien es gar nicht auf dem Radar zu haben, bis ich es ihr schenkte. Dasselbe galt für den Rock.
Weiterhin fiel mir zum ersten Mal wirklich auf, dass sie kaum Freunde besaß und in der Schule massive Probleme hatte.

Als sie 15 Jahre alt wurde, überredete ich meine Eltern dazu, dass es Zeit wurde, meine Schwester hin und wieder auf Partys gehen zu lassen, was ihren Freundeskreis erweckte, und ihren 18. Geburtstag feierte sie direkt mit einer ganzen Horde an Freunden.
Nur ihre schulische Leistung blieb lange ein Thema, zumindest bis sich mein jetziger Schwager ihrer annahm.
Zur Freude aller bekam er nicht nur Zugang zu ihrem Herzen, sondern auch zu ihrem Hirn.
Ihre Noten verbesserten sich so sehr, dass sie die Schule mit einem Fachabitur statt eines Hauptschulabschlusses beendete.

Aber am schönsten war die kurze Zeit, als ich mit 22 Jahren in meine erste eigene Wohnung zog.
Ich hatte eine süße Zwei-Zimmer-Wohnung direkt in der City und meine Schwester übernachtete hin und wieder bei mir.
Wir machten uns fertig, die Stadt zu erobern, während wir unsere Lieblingssongs hörten, gingen zusammen tanzen und redeten über Schminke und Jungs.
Das war einfach super und unser Altersunterschied schrumpfte weiter.
Bis er verschwand.

Ein unbemerkter Wandel

Ich sitze bei meiner kleinen Schwester in ihrer Wohnung am Esstisch und wir reden über Gott und die Welt. Wegen der krass guten und durchdachten Weisheiten, die sie von sich gibt, wird mir schlagartig bewusst, wie erwachsen sie auf einmal geworden ist!
Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Sie ist nicht mehr meine kleine Schwester, sie ist jetzt einfach nur die Jüngere!

Heute ist Sie zu meiner engsten Vertrauten geworden, und auch, wenn wir immer noch hin und wieder unsere Reibereien haben, ist sie diejenige, auf deren Rat ich am meisten gebe.
Die, die mich am besten hinterfragt und unterstützt!
Die, die ich über alles liebe!
Die, die ich niemals missen will!

À bientôt

Eure BeaBu

Ach und P.S.: natürlich kam sie gut aus dem OP und mittlerweile habe ich auch noch eine zuckersüße Nichte von ihr dazu bekommen.

Ein Gedanke zu „„Willst du einen Schneemann bauen? Los, komm und spiel mit mir!“ – Die Eiskönigin – Völlig unverfroren (2013) „Da versucht man selber auf sein Leben klar zu kommen und dann kommt sowas! Tz Tz Tz!“

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