„Du hast eine Meise, oder?“ – „Das höre ich nicht zum ersten Mal.“ – „Das macht eben die besten aus.“ – Alice im Wunderland 2 (2016) „Anders kann man das alles auch nicht überleben!“

Es ist mitten in der Nacht und nach einer geschlagenen Ewigkeit in der Notaufnahme sitze ich auf der Behandlungsbank und traue meinen Augen nicht. Wie in einem Theaterstück betreten nach und nach nicht ein Arzt, nicht zwei Ärzte, sondern vier Ärzte den Behandlungsraum. „Nicht bewegen, BeaBu! Sie dürfen ja keine Bewegung machen! Nicht zucken, atmen oder blinzeln!“ Es stehen tatsächlich vier Ärzte vor mir und einer hält eine Halskrause im Arm.
Und da wird mir alles klar …

Guter Rat ist teuer

„Nach diesen Röntgenbildern von ihrer Hüfte dürften sie weder gehen, stehen noch sitzen können, BeaBu!“ Ein ratloser Orthopäde steht vor mir und kratzt sich am Kopf. „Und doch kriege ich mein Knie gestreckt bis zur Nase!“ erwidere ich grinsend. „Ja“, fährt der Arzt ratlos fort, „ich sehe es: wie ein Klappmesser! Einfach erstaunlich! Aber viel beunruhigender finde ich die Bilder ihrer Halswirbelsäule. Sie brauchen unbedingt ein neurochirurgisches Konsil! Es sieht höchst dramatisch aus. Ich überweise sie zu dem besten auf dem Gebiet: Herrn Chefarzt Prof. Dr. Fabelhaft!“ Aber nur über meine Leiche und die werde ich spätestens auch sein, wenn ich diesen Quacksalber auch nur in die Nähe meines Nackens lasse! Eiskalt läuft es mir den Rücken runter: „Danke, aber ich entscheide selber, wer gut auf seinem Gebiet ist, und lasse Ihnen dann den Arztbericht zukommen!“ Vorsichtig, aber dennoch, kopfschüttelnd verlasse ich die Praxis: Herr Chefarzt Prof. Dr. Fabelhaft, soweit kommt’s noch!

„Was soll ich ihnen zu solchen Bildern sagen, BeaBu?“ Herr Prof. Dr. Neuro-Realist betrachtet abwechselnd meine Röntgenbilder und wieder mich und lächelt. „Nun ja, ich kann verstehen, wovon meine Kollegen so in Panik versetzt werden. Sowas sieht man schließlich auch nicht alle Tage, jedoch sollten Sie sich, BeaBu, davon nicht erschrecken lassen!“ Er blickt mich aus steinalten, weisen, gütigen Augen an und nimmt mir nach und nach die Panik.
„Schau, BeaBu, du hast doch Rheuma?“ wechselt er plötzlich vom formellen Ton in einen sehr vertrauten. „Ich hab davon gehört!“ unterbreche ich ihn augenzwinkernd. „Na siehst du!“ geht er kurz auf meinen Sarkasmus ein und antwortet weiter: „Deshalb kann kein Arzt sagen, wie lange deine Halswirbelsäule schon so aussieht und wie lange du damit schon lebst! Geht es dir gut?“
Abgesehen davon, dass mein Nacken ein Totalschaden ist, bei dessen Anblick sich jeder Arzt bis an mein Lebensende bekreuzigen wird: „Ja! Mir geht’s gut!“ – „Schlafen dir beim Lesen oder Schreiben die Hände beziehungsweise Arme ein?“
– Hmmmm, ist mir das schon jemals passiert? „Nein!“ – „Sehr gut! Solange das nicht passiert, würde ich den Teufel tun und es operieren! Lass die Finger davon, es sei denn, deine Arme fangen an zu kribbeln. Mach dich nicht verrückt und sei nicht zu waghalsig. Dann passiert das vielleicht auch niemals!“
Na das ist doch mal eine Aussage, mit der man leben kann.

Zurück in der Notaufnahme

Gut, dass ich selber darauf gekommen bin, was mir fehlt, sonst würde ich mir bei dem Anblick der vielen Ärzte bestimmt in die Hose machen, aber soooo … Ich fange schallend an zu lachen und sehe in das verdutzte Gesicht meines Mannes. „Ich bin selber schuld! Ich hab sie meine Halswirbelsäule röntgen lassen!“ pruste ich zur Erklärung an meinen Mann gewandt heraus. Ich bin mitten in der Nacht mit einem kribbelnden, höllisch schmerzenden linken Arm aufgewacht und dachte: „Sch@&€$ mein Nacken, jetzt ist es soweit!“
Aber bevor mich die verwirrt blickenden Ärzte auch noch wegen Unzurechnungsfähigkeit wegsperren, reiße ich mich zusammen und fahre an sie gewandt fort: „Entschuldigen Sie, meine Herren, es ist alles in Ordnung!“ Das lässt meinen Geisteszustand nicht besser wirken. Also beeile ich mich und sage: „Solange ich auf die Röntgenbilder gewartet habe, ist mir bewusst geworden, dass ich mir lediglich den Nerv in der Schulter eingeklemmt habe und daher die Schmerzen in meinem Arm kommen. Und nicht, weil, wie ich zuerst befürchtet habe, es mein Nacken verursacht hat. Es tut mir leid, dass ich sie erschreckt habe, aber könnte ich jetzt endlich was gegen den schmerzenden Nerv bekommen und wieder nach Hause gehen?“
Immer noch sehr skeptisch und ganz langsam fängt einer der Ärzte zu reden an: „Sie wissen, wie es um Ihre Halswirbelsäule steht, BeaBu?“ Um ihn nicht zu überfordern, lächle ich ihn behutsam an. „Ja, dass weiß ich!“ seufze ich leicht geknickt und kläre alle Anwesenden weiter auf: „Aber solange ich keine neurologischen Auffälligkeiten zeige, werde ich es nicht operieren lassen, und da ich mitten in der Nacht mit einem kribbelnden schmerzenden linken Arm aufgewacht bin, hatte ich kurzzeitig den Verdacht, jetzt sei es soweit. Aber je länger ich auf Sie gewartet habe, desto wahrscheinlicher kam es mir vor, dass es nur ein eingeklemmter Nerv ist. Ist das so? Ist es ein eingeklemmter Nerv?“
Der Arzt seufzt resigniert, bestätigt den Nerv und setzt nochmal zweifelnd an: „Sie haben uns einen schönen Schrecken eingejagt, BeaBu! Tun sie mir den Gefallen und lassen Sie mich Ihnen die Halskrause anlegen.“ Er sieht meinen Gesichtsausdruck und ergänzt schnell: „Nur bis Sie zu Hause sind. Für die Versicherung und mein Seelenheil.“ Der Arme tut mir wirklich leid. „Für die Versicherung und Ihr Seelenheil.“ wiederhole ich seine Worte und füge altklug hinzu: „Ansonsten wissen Sie ja selber, dass eine Schaumstoff-Halskrause mich nicht vor dem Schicksal meines Nackens bewahrt.“

Zehn Jahre später: Totalschaden, oder doch nicht? Vielleicht ein bisschen?!

„Aber BeaBu, ich halte das für höchst verantwortungslos, Sie mit solchen Nackenschäden durchs Leben gehen zu lassen! Ich meine, kennen Sie die Risiken? Kennen die ihre Mutter und ihr Mann?“ Eine völlig verzweifelte Stationsärztin versucht alles, um mich von einer Operation an der Halswirbelsäule zu überzeugen, und ich versuche wiederum alles, um ihr ein gutes Gefühl zu geben, meine Entscheidung zu akzeptieren. „Ok,“ setzte ich mein Gespräch an, „lassen Sie sich die Röntgen-Aufnahmen aus der Notaufnahme von vor zehn Jahren zukommen und wir vergleichen die Bilder. Sollte dabei irgendeine Veränderung ersichtlich sein, reden wir weiter!“ Ich verlasse das Zimmer und rufe meine Schwester an. „Ich bin es leid, dass, immer wenn ich von einem neuen Arzt geröntgt werde, alle so übertreiben müssen!“ Genervt klage ich ihr mein Leid. „Na du hast ja gut reden, BeaBu! Du hast ein Loch in der Halswirbelsäule. Wie würdest du an deren Stelle reagieren?“ gibt sie zurück. „Jaaa, und deshalb warne ich sie auch immer, bevor sie mich röntgen: ,Bitte nicht erschrecken, es sieht schlimmer aus, als es ist!’ Aber die hören grundsätzlich nicht auf mich!“ Haare raufend versuche ich meinen neuerlichen Unmut runter zu schlucken. „Na was erwartest du denn auch, BeaBu? Es sind Ärzte, und sie sehen sowas dennoch nicht jeden Tag! Und wenn sie sowas dann doch sehen, wird denen bestimmt ganz anders!“
Wenn sie nur wüsste, wie recht sie hat, aber „ganz anders“ ist gar kein Ausdruck! Der Anblick der Stationsärztin erinnerte eher an das Kaninchen vor der Schlange, bei dem ganzen Angstschweiß auf der Stirn. Und so sehen 99% aller Ärzte beim Anblick der Röntgenbilder aus.

Eine Woche später sitze ich wieder im Zimmer der Stationsärztin. „Also, BeaBu, die Bilder sind gekommen und es gibt keinerlei Veränderung. Weiterhin zeigen die Ergebnisse des neurologischen Konsils von letzter Woche keinerlei Auffälligkeiten.“ Eine Tonne Steine, von denen ich bis dahin noch nicht mal wusste, dass sie da waren, fällt mir vom Herzen. Ja, ich bin eben auch nicht aus Holz und mich lässt die Angst um meinen Nacken auch nicht kalt. Ich verdränge nur gesund die Gedanken daran.
„Ich rate Ihnen dennoch dringend, diese Operation zu machen!“ Wie bitte? Was? „Aber warum sollte ich mich einer höchst riskanten Operation unterziehen, bei der das Risiko besteht, vom Hals abwärts querschnittsgelähmt zu bleiben, beziehungsweise die Chance, dabei zu sterben, überhaupt höher ist als die Erfolgsrate?“ Wo bleibt die Logik, wenn trotz all meiner Erlebnisse in der letzten Dekade meine Halswirbelsäule unverändert geblieben ist? „Weil die Alternative, BeaBu, das genauso vorsieht! Ich meine, es kann jeden Augenblick so kommen, dass sich ihre Halswirbelsäule verschiebt und sie dann gelähmt oder tot sind! Auch wenn ich das zugeben muss, die Wahrscheinlichkeit scheint auf ihrer Seite zu sein. Dank der Röntgenbilder sehe ich, dass der Zustand in den letzten zehn Jahren unverändert geblieben ist! …“ – Und ich sehe sogar noch mehr: wenn meine Halswirbelsäule meine Sturm-und-Drang-Zeit unverändert überlebt hat, dann werden die kommenden Jahre für sie ein Klacks sein müssen! (Toi, Toi, Toi!!!)
„… Und deswegen könnte man vielleicht davon ausgehen, dass sich ihr Nacken gegebenenfalls in den nächsten Jahren auch nicht verschieben wird. Vielleicht sogar niemals.“ Verblüfft schaue ich meine Stationsärztin an. „Ich soll also, ihrer Meinung nach, diese höchst riskante Operation machen, obwohl ich sie vielleicht nie brauchen werde und im besten Fall einen steifen Frankenstein-Hals bekomme und im schlimmsten Fall gelähmt oder tot sein werde?
Würden Sie es denn tun, wenn es um Ihren Hals gehen würde?“
Baff von meiner scharfsinnigen Antwort denkt die Stationsärztin kurz nach und sagt: „Ja, ich könnte so nicht leben! Nicht mit dem Wissen, dass es jeden Moment aus sein könnte. Dass jeden Moment etwas passieren könnte.“ Ich fange an zu lachen: „Aber das, was sie beschreiben und so fürchten, nennt sich Leben. Es kann immer etwas passieren, ob man gesund oder krank ist, und dann kann es vorbei sein! Das Leben ist unberechenbar und das wird es auch bleiben, ob mit Operation oder ohne. Es kann immer noch ein Ziegelstein vom Himmel fallen oder ein Auto mich überfahren oder oder oder.“ Sie fängt mit an zu lachen: „Na gut, ich hoffe für Sie, dass ihr Nacken hält! Aber wenn Sie irgendeine Art …“ – „… irgendeine Art von neurologischer Störung feststellen … Ich weiß, dann komme ich um eine Operation nicht herum“, unterbreche ich sie seufzend.
Wir verabschiedeten uns voneinander, wohlwissend, dass keiner von uns je nachgeben würde, aber wir gegenseitig unsere Meinung nachvollziehen und respektieren können.

À bientôt

Eure BeaBu

Ein Gedanke zu „„Du hast eine Meise, oder?“ – „Das höre ich nicht zum ersten Mal.“ – „Das macht eben die besten aus.“ – Alice im Wunderland 2 (2016) „Anders kann man das alles auch nicht überleben!“

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