„Manchmal liebt man einen Menschen ausgerechnet wegen der Gründe, die dagegen sprechen! Und manchmal liebt man einen Menschen nur, weil man sich bei ihm zuhause fühlt!“ – Bridget Jones‘ Baby (2016) „Und manchmal liebt man einen Menschen wegen seiner Selbst!“

ER lief den ganzen Tag neben mir! Es mag für viele nichts besonderes sein, aber das war das erste, was mich an IHM besonders beeindruckt hatte, ER lief einfach neben mir.
Wir waren auf Abschlussklassenfahrt und ER kam zusammen mit einem Freund extra für einen Tag dazu, um alle seine jahrelangen Mitschüler wiederzusehen, schließlich war es sein Jahrgang gewesen, bevor ER für ein Jahr verschwand.
Den ganzen Tag über, egal wo wir hingingen, stand ER im Mittelpunkt, aber während wir alle von A nach B liefen, passte ER sich meinem Schneckentempo an. Alle anderen waren nach kürzester Zeit wieder mal meilenweit voraus. Dabei tat ER dies so unauffällig und selbstverständlich, als wäre es das normalste auf der Erde, eine Schnecke zu sein.

Da ist ER mir zum ersten Mal wirklich aufgefallen. Ich meine so richtig, ich hatte ja auch genügend Zeit, IHN näher zu betrachten. ER war groß, hatte ein interessantes Gesicht, etwas zu hager für meinen Geschmack, aber noch ok. Seine langen blonden Haare, seine Doc Martens und sein brauner Ledermantel waren eh charakteristisch für IHN. Aber vor allem mochte ich seine blaugrünen gütigen Augen, die mich unmittelbar an die See erinnerten. Von IHM ging eine unbeschreibliche Aura der Geborgenheit aus. Ich weiß noch, wie wir über Musik, Da Vinci und Shakespeare sprachen und ich weiß noch, dass ich in dem Moment bewundernd feststellte, wie angenehm eine Konversation mit IHM ist.
Das zweite Mal, dass ER meine Aufmerksamkeit auf sich zog, war noch am selben Abend. Ich hatte gerade erfahren, dass ich in meinem stärksten Fach im Abitur durchgefallen war und für mich war klar, dass ich demzufolge überall durchgefallen sein musste. In diesem Moment verabschiedete sich mein Verstand und packte mein Gehirn in Watte. Mit einem Mal war ich alleine in einem Raum voller Menschen und registrierte nichts außer meinem eigenen Herzschlag in meinen Ohren. Das war einfach nur ein Alptraum. Wie konnte das passieren? Wie in Trance ging ich auf den Tisch mit den ganzen Getränken zu. Einfach nur um… ja was eigentlich? Ich weiß nur, als nächstes stand ER neben mir, griff durch den Nebel nach meiner Hand und durch das Rauschen in meinen Ohren klang seine sanfte Stimme: „Nichts kann im Leben so schlimm sein, um sich alleine zu betrinken!“ Ich registrierte weiterhin nichts und niemanden bis auf IHN und seine Stimme. So gab es für den Moment nur uns beide, wie in meinem persönlichen Bubble.
Das dritte Mal, dass ich IHN bemerkte, war Monate später und wieder war ich in einer persönlichen Krise. Vor wenigen Wochen war ich in meine erste eigene Wohnung gezogen und prompt von einer flüchtigen Bekanntschaft ganz blöd sitzen gelassen worden. Jedenfalls lag ich schluchzend auf meiner Couch und versuchte, mich von dieser blöden Trennung zu erholen, als mich plötzlich mein ICQ mit einem vertrauten „Ohoh“ zu meinem Computer lockte. ER hatte mich angeschrieben und zu meiner eigenen Überraschung freute es mich sogar, denn wieder spürte ich dieses Gefühl von vertrauter Geborgenheit. Obwohl ich wieder niemanden um mich haben wollte, merkte ich sehr schnell: Für IHN gilt das nicht.

Und ganz plötzlich waren wir Freunde

Von den ursprünglichen Vorurteilen, die wir bis zur Klassenfahrt noch von einander hatten (das Prinzesschen und der Freak) war bis zu dem Moment, als ER mich nach der Trennung über ICQ auf einen Kaffee einlud, nichts mehr übrig geblieben. Wir waren wie eine Seele in zwei Körpern, nur wollten wir es damals noch nicht wahrhaben. Wir waren nur Freunde. Nicht mehr und nicht weniger. Gute Freunde! Platonische Freunde, die einen Monat lang fast keine Minute ohne einander verbrachten. Wir sahen uns in der Schule und trafen uns am Nachmittag. Wir telefonierten stundenlang und ich schlief regelmäßig nachts mit seiner Stimme am Ohr ein, weil keiner von uns auflegen wollte.

Im November, also ein halbes Jahr nach der Abschlussklassenfahrt, fuhr ich ans andere Ende von Deutschland, um meinen anderen besten Freund zum Geburtstag zu besuchen. Jedes Jahr kam er zu meinen Geburtstagen in die Großstadt. Diesmal ergriff ich also die Möglichkeit und fuhr zu ihm. Nach vier Tagen „Party nonstop“ setzte mich mein bester Freund tatsächlich mit den Worten in den Zug: „Entweder, du bringst nächstes mal deine bessere Hälfte direkt mit, oder du lässt gefälligst dein Telefon zu Hause!“ In dem Moment schlossen sich auch schon die Zugtüren, wie in einer Filmszene. Und mit verdutztem Gesichtsausdruck fuhr ich langsam vom Bahnsteig. Was sollte das denn bitteschön heißen? Unterm Strich bin ich doch sogar extra ans andere Ende der Menschheitsgeschichte gereist, um vier Tage rund um die Uhr an seinem Geburtstags-Party-Marathon mitzumachen! Komisch, was zur Hölle meint er nur damit?
Aber hey, ich hatte für die nächsten Stunden viel Zeit zum Grübeln. Vor allem, weil ich absolut keinen Handy-Empfang im Zug hatte.
Ich ließ das verlängerte Wochenende nochmal Stück für Stück Revue passieren:
1. Tag: Mein bester Freund holt mich vom Bahnhof ab, wir fahren was trinken, dann nach Hause, dann auf die Piste etc. etc.
2. Tag: Freunde treffen, essen gehen, Party machen, etc. etc.
3. Tag: Frühstücken, seine Verwandten treffen, Abschiedsparty, etc. etc.
4. Tag: Rückreise mit überraschender Ansage.
Hmmm… Was hatte ich übersehen? Schließlich würde mein bester Freund sowas nicht sagen, ohne dass da in seinen Augen nicht was Wahres dran wäre. Wenn ich durch seine Augen sah… Wenn ich durch seine Augen sah… ok das war blödsinnig und machte kein Sinn: Ich sah nichts anderes als unseren Tagesablauf. Dann ging ich seine Aussage zum tausendsten Mal durch. Diese blödsinnige Formulierung nervte. „Bessere Hälfte“ – was sollte denn das heißen? Das war doch nicht meine bessere Hälfte! Wir waren doch NUR Freunde. Zugegeben etwas klettenhaft, aber wer wird denn schon urteilen?! Und wieso sollte ich überhaupt mein Telefon zu Hause lassen? So oft hatte ich doch gar nicht telefoniert! Als müsste ich mir selber meine Gedanken beweisen, schaute ich auf meine Anrufliste.

Und ganz plötzlich waren wir „mehr“

WAAASSSS??? Da musste ein Fehler vorliegen, das war absolut unmöglich!!! Wenn es nach der Anrufliste ging, hätte ich ja fast die ganze Zeit am Telefon verbracht, aber das konnte ja wohl nicht sein. Ich war schließlich beim Geburtstag meines besten Freundes gewesen.
Und mit einem Mal sah ich es doch mit seinen Augen: Ich, überall dabei, aber ständig mit Handy am Ohr. Ich biss mir auf die Unterlippe: Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Es war in den letzten Wochen so selbstverständlich geworden, mit IHM zu telefonieren, dass es mir anscheinend nicht mehr auffiel, wenn ich es tat. Wie peinlich, mein armer bester Freund! Da fuhr ich einmal in 100 Jahren extra zu ihm zum Geburtstag und war anscheinend trotzdem irgendwie nicht da. Anstatt meinem besten Freund meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, hatte ich fast nonstop am Telefon gehangen. Aber warum? Ich meine, es war ja nicht so, als ob ich nicht mal 24 Stunden ohne IHN verbringen konnte, schließlich waren wir ja nur Freunde. Aber wann hatte ich denn bitte das letzte mal 24 Stunden nichts von ihm gehört oder gesehen? Und wenn wir doch nur Freunde waren, wieso konnte ich es kaum erwarten, ihn wiederzusehen? Nicht mal bis zum nächsten Morgen in der Schule? Und warum hörte ich nicht auf zu grinsen? Tausend weitere Gedanken dieser Art waren nötig, bis ich zur größten Erkenntnis kam, nämlich dass die Antwort nur lauten konnte: Weil wir keine Freunde waren! Wir waren wahrscheinlich von vornherein nicht einfach „nur“ Freunde gewesen!
Ich stieg aus dem Zug und fuhr direkt zu ihm. Einmal die große Erleuchtung gefunden, wollte ich Ungeduldsmensch nicht eine Minute länger warten. Ich musste wissen, ob es nur mir so erging oder ob es beidseitig war. Und das war es. Einmal ausgesprochen, gab es keinen Zweifel daran: Wir waren schon immer „mehr“ gewesen! Glücklich fielen wir uns in die Arme und haben uns seit fast 12 Jahren nicht mehr losgelassen. Na ja – natürlich metaphorisch gesprochen.

À bientôt

Eure BeaBu

2 Gedanken zu „„Manchmal liebt man einen Menschen ausgerechnet wegen der Gründe, die dagegen sprechen! Und manchmal liebt man einen Menschen nur, weil man sich bei ihm zuhause fühlt!“ – Bridget Jones‘ Baby (2016) „Und manchmal liebt man einen Menschen wegen seiner Selbst!“

  1. T+E sagt:

    Ich liebe die Geschichte eures Kennenlernens und jetzt kann ich sie immer wieder nachschauen. Mach weiter so, BeaBu, ich freue mich jedes Mal über die neuen Einträge.

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