„Soll das etwa ein Fußballspiel sein?“ – „Tiere sind nun mal so!“ – „So ein Verhalten sollte es bei Tieren auch nicht geben!“ – Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett (1971) „Worauf habe ich mich da nur wieder eingelassen?“

„Ob wir es noch rechtzeitig schaffen? Gleich ist Anpfiff!“ Wo ist nur die Zeit geblieben? Gerade noch überlegten wir uns, was wir mit dem Tag anstellen wollen, da laufen wir auch schon mitten zwischen besoffenen und grölenden Fußballfans ins Stadion rein. WoW, was für eine Menschenmasse. Gerade als ich versuche, mich an den Anblick so Vieler zu gewöhnen, springen alle plötzlich auf und machen im Gleichklang „HO!“ War ja klar, in dem Moment, wenn ich ins Stadion komme, müssen 80.000 Menschen den Iceland-Gruß machen.
Mir wird schlecht! Diese enorme Menge, diese Energie, diese unbeschreibliche Stimmung – mein Herz rutscht in die Hose. Was ist, wenn jetzt doch ein Anschlag passiert? Was ist, wenn sie sich doch wieder anfangen zu prügeln? Was, wenn sie einfach nur Panik bekommen und losstürmen? Was, wenn ich jetzt einfach Panik kriege?

FUuuuuuaaaa! Wie konnte ich uns nur in so eine Situation bringen????

Eine unverhoffte Gelegenheit

A-Hörnchen ist zu Besuch und wir reden über unsere Urlaubspläne. „Stell dir mal vor, BeaBu, wir haben bei dieser EM2016-Kartenverlosung mitgemacht und tatsächlich jeweils vier Karten für die Viertelfinalspiele und ein Halbfinalspiel gewonnen! Aber irgendwie ist die Resonanz bei uns im Freundeskreis darauf nicht wirklich groß. Jedenfalls haben wir noch zwei Karten für zwei Spiele übrig.“ Strahlend blicke ich ins Gesicht meines Mannes und kann seinen Ausdruck schwer deuten. Wollen wir mit? Ich kann es nicht sagen. Zugegeben, wirkliche Fußballfans sind weder ich noch er, aber eine Gelegenheit wie diese kommt bestimmt nicht noch mal. Irgendwann könnten wir unseren Enkeln erzählen: „EM 2016 – Wir waren dabei!“ Ich wende mich an A-Hörnchen: „Lass mir paar Tage Zeit. Ich schau mal, was uns das kleine Abenteuer kosten wird, und dann gebe ich dir Bescheid.“

Und tatsächlich, als ob das Schicksal es so wollte, kostet uns die komplette Reise ’nen Appel und ’n Ei.

EM! EM! Wir fahren zur EM! Oder etwa doch nicht?

„Wie, ihr fahrt zur EM, BeaBu??? Habt ihr nicht die ganzen Ausschreitungen gesehen? Die ganzen Hooligans? Gefühlt ganz Marseille brennt! Die hauen sich bei lebendigem Leibe die Köpfe ein! Ihr könnt nicht fahren!“ Alle sind entsetzt! Von jedem, dem wir es erzählen, kommt dieselbe Reaktion, und tatsächlich, so viele Ausschreitungen wie bei dieser Fußball-Europa-Meisterschaft sind mir bisher noch nie aufgefallen. Vielleicht habe ich sie auch einfach nie so wahrgenommen, weil ich ja auch nicht hin wollte. Jedenfalls sind die Nachrichten beängstigend. Nicht nur die ganzen Prügeleien auf den Straßen, sondern auch direkt im Stadion bereiten mir Kopfzerbrechen. Was, wenn das in meinem Block passiert? Ich bin dann sofort Mus mit meinen Knochen, soviel steht fest.

Ich rufe A-Hörnchen an: „Sonnenschein, ich weiß, wir haben zugesagt, aber die ganzen Nachrichten lassen mich nicht mehr los! Es sieht aus, als wäre die Hölle losgetreten worden.“ – „Ja, BeaBu, aber vergiss nicht: ihr kommt zum Halbfinalspiel“, setzt sie an mich zu beruhigen, „bis dahin sind die ganzen Mannschaften, die Hooligans haben, längst raus!“ Und so fing ich an, jedes einzelne Spiel zu beobachten und die Daumen zu drücken, dass auch ja alle Idioten weg sind, bis wir hinkommen. Und tatsächlich, erst als ich im Flugzeug saß, war ich selber davon überzeugt, dass wir zur EM 2016 fliegen.

Wie Gott in Frankreich?!

Pluspunkt: Man kann in Marseille von überall das Meer sehen und ich, ich liebe das Meer. Nicht um unbedingt darin zu schwimmen – ich hasse den Gedanken, dass es da um mich herum nur so von Tieren wimmelt, da bin ich lieber im chlorverseuchten Pool – aber ich liebe den salzigen Geruch und den Anblick. Besonders bei Nacht. Dieser endlos glitzernde schwarze Spiegel hat etwas atemberaubend Beruhigendes an sich. Zu gruselig, um darin zu schwimmen, aber um abzuschalten und seine Gedanken baumeln zu lassen, gibt es nichts Schöneres für mich.

Minuspunkt: Marseille ist eine überteuerte, hügelige Hafenstadt, in der es hinter jeder zweiten Ecke nach Pis&@ stinkt.

Wir waren schon ein paar Tage vor dem Halbfinale dort und erkundeten die Stadt.
Am ersten Abend entdeckten wir ein tolles kleines Fisch-Restaurant direkt seitlich vom Pier und ließen es uns mit einer Flasche Wein gut gehen.
Den zweiten Tag verbrachten wir den Vormittag am Strand und erkundeten nachmittags die Stadt.
Am dritten Tag hatten wir den Sonnenbrand unseres Lebens (trotz Sonnencreme), und so schauten wir uns nach Aktivitäten um, die nicht unter freiem Himmel stattfanden, und gingen in die Einkaufspassagen und in eine kleine Eismanufaktur, die schwarzes Vanilleeis herstellt.
Am vierten Tag hatten wir immer noch nicht große Lust, uns allzuviel draußen aufzuhalten, und gingen in die Picasso-Ausstellung.

Am Abend des vierten Tages trafen wir auf A-Hörnchen und ihren Partner, die soeben vom Viertelfinale aus Paris gekommen waren, und gingen zum ersten Halbfinalspiel an den Strand zum Public Viewing. Schnell war das Spiel entschieden, und wir genossen den malerischen Sonnenuntergang und machten Pläne für den kommenden Tag, an dessen Abend wir im Stadion das Halbfinalspiel sehen würden.

Die Geburtsstunde von BeaBu

„Das ist ja wie in Twilight hier“, lache ich und zeige auf die Klippen.
Wir schippern in einem Touristenboot zu den Kalksteinfelsen. Gerade noch habe ich das azurblaue Meer unter uns bewundert, da sind mir die vielen Klippenspringer an der Felswand aufgefallen.
„Verrückt! Das würde ich mich nie trauen!“ stelle ich erstaunt über mich selbst fest. A-Hörnchen und ich sitzen in der ersten Reihe des Bootes und unterhalten uns, während unsere Männer was zu trinken organisieren.
Gerade noch hat A-Hörnchen von ihrem neuen Job in der PR-Agentur erzählt, als das Thema auf mich rüberschwänkt. „Hör mal, BeaBu, du könntest deine Geschichte erzählen: wie dein Leben bisher war, wie es jetzt ist, deine Einstellungen und Zukunftswünsche.“ Ich bin Feuer und Flamme und gleichzeitig furchtbar skeptisch. „Wird das überhaupt einer wissen wollen?“ Wie wird es ankommen? Bis jetzt hat sich eigentlich schon jeder, den ich traf, dafür interessiert, aber ist es nicht zu selbstverliebt, zu denken, es interessiere die Masse? „BeaBu,“ unterbricht sie meinen Gedankengang, „du hast eine unglaubliche Lebensgeschichte, und jeder Hinz und Kunz erzählt was über sich. Da wirst du hervorstechen wie ein bunter Hund.“ Ja, das glaub ich gern. Nachdenklich betrachte ich den Horizont: Werden sie es mögen oder es einfach nur peinlich finden? „Komm, BeaBu, denk darüber nach und lass uns einen Plan machen, wenn wir wieder zuhause sind.“ Und mit den Worten stiegen wir bereits wieder von Bord.

Deutschland gegen Frankreich

Ok! Tief durchatmen! Nur keine Panik! Jetzt sind wir eh schon hier!
Langsam steige ich die Treppe des Stadions empor und suche nach unseren Sitzen. Sollte irgendwas passieren, jetzt kann ich es nicht mehr verhindern, also kann ich mich genauso gut entspannen und es auf mich zukommen lassen.
Leichter gesagt als getan, denn als ich unsere Plätze erreiche, stelle ich mit Entsetzen fest, dass genau vor mir ein halbnackter, muskelbepackter, glatzköpfiger Riese steht, der jetzt schon völlig auszuflippen scheint. Oh oh! Na das kann ja was werden.

Ich schaue mich im Stadion um und stelle überrascht fest, wie klein so ein Fußballfeld eigentlich ist. Ich meine, ich kenne Bolzplätze noch aus meiner Kindheit, aber im Fernsehen sehen die Fußballfelder immer so riesengroß aus, wo die Spieler kilometerweit rennen müssen, dabei ist es gar nicht so groß.
Da reicht mir A-Hörnchen eine selbst mitgebrachte Boateng-Maske und der Anpfiff ertönt. Was soll ich sagen, das Spiel lief alles andere als gut für Deutschland, und zu meinem größten Entsetzen hatte der Riese in Shorts und Adiletten jedesmal, wenn ein Tor für Frankreich fiel, so ein heftigen Orgasmus, dass ich fürchtete, irgendein fanatischer Deutschland-Fan werde sich bestimmt provoziert fühlen.
Zu meinem Glück blieb aber alles friedlich, und bis auf die leichte Enttäuschung, dass Deutschland verloren hatte, war es doch eine interessante Erfahrung.

EM 2016 – ich war dabei!

À bientôt

Eure BeaBu

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